Bremen, Weser Kurier 17.11.2005
Musik in der Schwerkraft des rituellen Wortes
Ludwig van Beethovens Missa Solemnis mit der EuropaChorAkademie unter Michael Gielen in der Glocke
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Bremen, Weser Kurier 3.11.05
Beethoven getanzt, gemalt und geschrieen
Bremer Schüler beschäftigen sich ausführlich mit der “Missa solemnis” von Ludwig van Beethoven
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Mainz, AZ vom 9.11.04
Grauen des Krieges
Benjamin Brittens „War Requiem“ im Dom  
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Mainz, AZ vom 3.11.04
Und aus der „Angst“ wird ein Tanz
Bei der EuropaChorAkademie setzen sich Jugendliche mit dem
War Requiem auseinander
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Mainz, AZ vom 3.11.04
Und aus der „Angst“ wird ein Tanz
Bei der EuropaChorAkademie setzen sich Jugendliche mit dem War Requiem auseinander

Am Anfang stand das Hören: Die 400 Schülerinnen und Schüler, die zum Aktionstag der EuropaChorAkademie an die Universität gekommen war, konnten sich erst einmal einen Eindruck von Benjamin Brittens „War  Requiem“ machen. Joshard Daus, der Leiter der EuropaChorAkademie, gab anhand von einigen kurzen Sequenzen einen Einblick in die Probenarbeit des Chores, in dem junge Menschen aus ganz Europa gemeinsam musizieren. Vor allem aber sollten sich die Jugendlichen aus rheinland-pfälzischen und hessischen Schulen selbst mit dem War Requiem auseinandersetzen. Britten hatte es zur Einweihung der neu gebauten Kathedrale von Coventry in England komponiert, die im Zweiten Weltkrieg von Deutschen zerstört worden war. Auf unterschiedliche Weise setzten sich die Teilnehmer der zahlreichen Workshops deshalb vor allem mit dem Themen-Komplex „Krieg und  Frieden“ auseinander.  Im Workshop „Ein Tanz um Tod, Opfer und Trauer“ forderte Birgit Nitsch die Jugendlichen zum Beispiel auf, sich Begriffe zum Thema Krieg auszudenken  ihre Assoziationen wie „Angst“ oder „Verzweiflung“ setzte die  Tanzlehrerin mit den Workshop-Teilnehmern in eine Choreografie um. Während in einem Teil der Arbeitsgruppen der künstlerische Ausdruck im Mittelpunkt stand, wurde in anderen vor allem diskutiert so zum Thema „Krieg  und Frieden in der Bibel“ die Frage: „Ist Gott für oder gegen den Krieg?“ Der theoretische Ansatz wurde mit aktuellen Bezügen beispielsweise zum Kosovo-Krieg ganz greifbar.  Dokumentiert wurde der Tag im Presseworkshop der Allgemeinen Zeitung. Nach einer kurzen Einführung, bei der es praktische Tipps für die journalistische Arbeit gab, gingen die Jugendlichen selbst auf Themensuche,  besuchten Workshops, recherchierten und interviewten Teilnehmer des Projekttags. Die besten Artikel und Fotos werden auf einer  Sonderseite veröffentlicht.
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Mainz, AZ vom 9.11.04
Grauen des Krieges
Benjamin Brittens „War Requiem“ im Dom  

Ein kompromissloser Pazifismus, die Anklage von Krieg und Gewalt sowie ein tiefes Mitleid mit den Opfern sind die Sujets, die das „War Requiem“ des englischen Komponisten Benjamin  Britten  durchdringen. 1961 schrieb er es für die im folgenden Jahr vollzogene Einweihung der neu gebauten Kathedrale von Coventry, die 1940 während eines deutschen Bombenangriffs dem Erdboden gleich gemacht wurde.  Dieses erschütternde Epos erklang jetzt anlässlich eines von der Landesbank Rheinland-Pfalz ermöglichten Benefizkonzertes zugunsten des Mainzer Dombauvereins just in jenem Bauwerk, das durch kriegerische Handlung  ebenfalls arg in Mitleidenschaft gezogen worden war.  Mit der Europa-Chor-Akademie unter der Leitung von Joshard Daus, der Nordwestdeutschen Philharmonie und deren Kammerorchester, einem exzellenten Solistenterzett und den Knaben des Mainzer Domchores wirkten hier  Interpreten hoher Güte zusammen. Obgleich einem das Konzert ob seines bedrückenden Inhalts kaum gefallen konnte, so sprach es doch an auf eine erschütternde und gleichsam schließlich versöhnliche Art und Weise.  Brittens Kunstgriff ist die Verbindung des liturgischen Requiemtextes mit Versen des Dichters Wilfried Owen, der in den letzten Tagen des Ersten Weltkriegs fiel. Dem Lateinischen steht so das mit drastischem Pessimismus  reflektierte Gemetzel in den Schützengräben gegenüber, wobei  Britten  die Vertonung dieser Gedichte zwei Männerstimmen und den Messetexte dem Chor sowie einer Sopranistin zugedacht hat.  Daus schuf mit seiner Interpretation eben jene bedrückte Stimmung, in der sich  Britten  befunden haben mag: Nach Auschwitz ist eine traditionelle Kirchenmusik kaum mehr möglich. Daher bestimmt auch der Tritonus das Geschehen. Engagiert und fesselnd beschworen die Choristen und die ausgezeichnete Sopranistin Stefanie Dasch das religiöse Element, während Steve Davislim (Tenor) und Thomas Mohr (Bariton) mit bemerkenswert  schlanker Stimmführung objektiv, doch vom Inhalt der rezitierten Owen-Verse ergriffen das Grauen des Krieges schilderten.  Dabei wurden sie vom aus dem großen Orchesterapparat herausgelösten Kammerensemble der Nordwestdeutschen Philharmonie unter der Leitung von Stephan Tetzlaff bestechend transparent begleitet. Im Tutti waren besonders  die den Knabenchor begleitenden, zarten Streicher berauschend. Bei allem Grauen überwiegt im abschließenden „Libera me“ aber das Versöhnende: Hier begegnen sich zwei Todfeinde als Brüder.   
Jan-Geert Wolff  

 

 

 

 

 

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Bremen, Weser Kurier 3.11.05
Beethoven getanzt, gemalt und geschrieen
Bremer Schüler beschäftigen sich ausführlich mit der “Missa solemnis” von Ludwig van Beethoven

Mittwoch war ihr "Beethoven-Tag". Einen Tag durften sich Schüler der vier Gymnasien Horn, Walle, Syke und der Wilhelm-Wagenfeld-Schule mit Ludwig van Beethovens Stück "Missa Solemnis" beschäftigen. In verschiedenen Workshops haben die Schüler sich mit der geistlichen Komposition beschäftigt. Es wurde getanzt, gemalt und geschrieen. Die Organisatorin des Projekttages, Dorothee Kohlhas, nennt dies "Musik körperlich erleben". Die "EuropaChorAkademie" hat sich zum Ziel gesetzt, Schüler und junge Menschen für klassische Chormusik zu begeistern. Aus diesem Grund hat die Akademie die Schulprojektreihe "Erlebnis Musik" ins Leben gerufen. Dieses Schulprojekt wird jährlich veranstaltet und findet dieses Jahr zum sechsten Mal statt. Jedes Mal wird ein klassisches Stück Chormusik ausgewählt. Mit diesem müssen sich die Schüler dann kreativ beschäftigen. Diesmal handelt es sich um ein "sehr anspruchsvollen Stück", findet Kohlhas. Es geht um Beethovens "Missa Solemnis". Damit die Oberstufenschüler der vier Gymnasien dem sakralen Stück näher kommen, haben die Organisatoren einen ganzen Projekttag für die Schüler eingeplant. Die angehenden Abiturienten begehen ihren "Beethoven-Tag" standesgemäß mit einem Gottesdienst. "Schön, wie diszipliniert die Schüler mitgearbeitet haben", sagt Musiklehrer Stefan Weber vom Gymnasium Horn. Im Gottesdienst in der St-Johannis-Kirche wurde das geistliche Stück besprochen, aber auch Beethovens Motivation bei der Komposition erörtert. Nach dem Gottesdienst durften die Schüler dann tanzen, malen, Theater spielen, Masken tragen und ihren Emotionen freien Lauf lassen. In sechs Workshops wurden die Schüler aufgefordert, sich kreativ mit dem "Missa Solemnis"-Stück zu beschäftigen. Die verschiedenen Arbeitsgruppen wurden von Mitgliedern Bremer Kultureinrichtungen, zum Beispiel der Shakespeare Company, begleitet. Mit Hilfe der Workshops sollen die Schüler sich mit "Musik beschäftigen, die sie sonst gar nicht interessiert", sagt die Organisatorin Kohlhas. Das Schulprojekt will den Gymnasiasten ermöglichen, sich der klassischen Musik ohne Hilfe der Schule zu nähern. "Wir wollen Horizonte erweitern", nennt das Kohlhas. Ihr Ziel sei es, dass die Schüler sich in 20 Jahren noch an diesen Projekttag erinnern und gerne klassische Konzerte besuchen. Im Theaterworkshop, der von Melissa Chelmies geleitet wurde, werden Emotionen geübt. Konkret bedeutet dies, dass sich acht Mädchen aus der zehnten Klasse des Syker Gymnasiums anschreien. Die Kursleiterin will so den Schülerinnen die Emotionen des Stückes näher bringen. "Es macht Spaß und ist locker", findet die 15-jährige Anna-Lena Hollermann ihren Workshop. Der 17-jährige Jan Hermann vom Gymnasium Horn hat am Malworkshop teilgenommen und findet klassische Musik "als Ausgleich zu Heavy Metall" nicht schlecht. Der 17-jährige Leon Obist hingegen findet, "dass ihm das Projekt nicht so viel gebracht hat". Das Stück findet Horner Gymnasiast insgesamt zu "anspruchsvoll und zu düster". Am besten besucht war der Musikworkshop, der von der Hochschule Bremen organisiert wurde. Hier wurde mit den Schülern ein zweistimmiges "Gloria" eingeübt. Alle Arbeiten der Workshops werden am 15. November ab 19 Uhr in der Glocke vorgestellt. Ab 20 Uhr wird unter der Leitung des Dirigenten Michael Gielen die "Missa Solemnis" aufgeführt.
Christian Meyer

 

 

 

 

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Bremen, Weser Kurier 17.11.2005
Musik in der Schwerkraft des rituellen Wortes
Ludwig van Beethovens Missa Solemnis mit der EuropaChorAkademie unter Michael Gielen in der Glocke

Es ist wohl kein Zufall, dass man angesichts der Missa Solemnis sich an das Thema Musik und Sprache erinnert. Zumal seit den frühen Messevertonungen ein spannender Integrationsprozess von Rhythmus, Phonetik der Sprache und dem musikalischen Material stattfindet. Die Eigengesetzlichkeit von Text und Sprachkörper bedeutet immer eine eigentümliche Schwerkraft, die auf das Fließen der Melodie, auf eingängige hörbare Themen einwirkt.
Solche Gedanken provoziert Michael Gielen mit der Aufführung der Missa Solemnis mit der EuropaChorAkademie und dem Philharmonischen Orchester Luxemburg in der Glocke. Das leicht Verstörende, mit dem dieses Werk Beethovens nicht nur auf Adorno wirkte, scheint in der weitgehenden Abstinenz all dessen zu liegen, mit dem man nicht nur das Spätwerk mit seinen langen hymnischen Melodien und drängend prozesshaften Strukturen im Kopf hat. Hier dominiert das, was einmal "harte Fügung" genannt wurde, wirkt das Zentripetale des Wortes.
Archaisierend sind dann nicht nur Rückgriffe auf das 16. Jahrhundert wie die im Gloria, sondern der Grundduktus insgesamt nimmt die Wucht wie die Zartheit, die wechselhafte Rhythmik und die kurzen MelosSchwünge der Sprache an. Gielen scheint diesem Tribut, den Beethoven dem hochheiligen Gut des Wortes auch auf dem Gebiet der Musik zu zollen scheint, in eigentümlicher Weise zu folgen: Die Expressivität der großen Chorpartien bricht im Laudamus te wie von ganz unten nach oben durch. Es ist eine Emotionalität der fast kalt wirkenden Glut, die jeglichen Ansatz an religiöser Gestimmtheit, an süßer Leidensmiene verschlingt. So kommen die symbolischen Halbtonschritte im miserere nobis zwar deutlich, doch ohne jegliche Anbiederung.
Selbst auf den ins Ekstatische mündenden Schluss des Gloria mit dem "cum Sancto Spiritu in gloria Dei Patris" trifft das Wort von der harten Fügung zu, in der der musikalische Satz sich ungeheuer verdichtet, zumal Gielen die Tempi nicht nach vermeintlich herrschenden Stimmungen ansetzt, sondern strukturell denkt und Raschheit wie Verdichtung den musikalischen Höhepunkt gleichsam anzufeuern scheinen.
Gielen glättet nichts, arbeitet die Konturen und Zäsuren hart heraus, lässt aber auch dem Zarten, dem Flehen Raum wie im suscipe deprecationem nostram; berückend im Spirito Sanctu das Tenorsolo mit himmlischen Flötentönen. Das Zentripetale, die Schwerkraft auf eine Mitte zu, erlebt man vor allem in der 166 Takte lang prozessierenden Doppelfuge am Schluss des Credo, so dicht und konsistent wirkt sie, wobei man immer wieder auf die vertikale Betonung durch Akzente stößt. Wie oft auch in den Sinfonien scheint Beethoven hier den Schluss hinauszuzögern und immer wieder aufbrechen zu wollen - ein Phänomen, das noch stärker im Agnus Dei und dem dona nobis pacem zum Ausdruck kommt und von Gielen außergewöhnlich dramatisch gestaltet wird. Im Sanctus erwärmt sich die Szene vor allem durch das Violinsolo, das von einem fast fahl vibratoarmen, wie von Ferne kommenden Streicherklang vorbereitet wird.
Die Glocke wirkte fast zu klein für die Klangmasse von Orchester und Chor (Einstudierung Joshard Daus), der profiliert in den Fugen artikulierte und ein klangvolles Piano zu erzeugen vermochte. Unübertroffen hingegen das Pianissimo in höchster Lage, mit dem Luba Orgonasova im Credo-Amen brillierte, wärmend der samtene Alt von Birgit Remmert, ausdrucksvoll Christian Elsners strahlender Tenor, leider manchmal flackernde Intonation im Ansatz von Bjarni Thor Kristinsson (Bass).
Eine anspruchsvolle und schlüssige Interpretation, die mit viel Beifall bedacht wurde.
Arnulf Marzluf

 

 

 

 

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